sonntagsreise

ein reiseblog, ach was, es ist nur eine kleine geschichte. ich liebe kleine geschichten, ich liebe es, sie zu erzählen. sonntagsreise ist ihr titel, denn sie kam mir vor, als sei diese reise ein ganz normaler sonntags-spaziergang, nun denn…

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eine sonntagsreise ist nicht immer eine erholungspause, keine ferien im sonnenland sind ihr gleich.

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Der Flug vom Süden in den winterlichen Norden hatte nichts Außergewöhnliches an sich, eine etwas aufgezwungene Ruhephase nach der ganzen Aufregung und den Vorbereitungen für die Reise.  Der Nachtflug mit dem rücksichtslosen Schlaf-Im-Sitzen-Akt, eine ungemütliche Notwendigkeit, aber nichts mehr.

Ein Bett, mein Königreich für ein Bett könnte man ausrufen, während das fliegende Pferd mir ja schon zustand. Was sage ich, bei diesen Flugpreisen finde ich das Schlafen eine wirkliche Zumutung, ich möchte mir die Kinofilme einverleiben, zum Träumen habe ich lieber mein Bett.

So war es, dass ich es mir so gemütlich wie möglich machte, derweil mein geliebter Partner im Sitzen schlief, für mich, ihn betrachtend, immer wieder ein faszinierendes Wunder.  Meine dick gefütterten hohen Winterstiefel schob ich unter seinen Sitzplatz, etwas mehr Bewegung zu erlangen im ökonomischen Sardinensitz.

Eine Stunde vor geplanter Landung, als die fliegende Schar in Bewegung kam, ein jeder Fluggast das Beste versuchte, sich zu erfrischen, suchten wir meine Stiefel, die sich nicht mehr unter unseren Sitzen befanden.  Der hilfreiche Steward, der für unser Wohl Zuständige, bemerkte unser Suchen und kam mit Taschenlampe zur Hilfe als ich eben den zweiten des Paares aus dem Gewühl unter den Sitzen hervorkramte und hochhielt. „Waass, so einen großen Schuh nicht finden können…. meine liebe Frau, ich denke, Sie müssen sofort nach der Landung zum Optiker!“

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Nach der Landung entstand das Fieber, das Flugreisende immer wieder durchmachen, das Gemisch aus Chaos und Freude, das befremdende Flughafen Kontrolle-System mit dem Schmetterlings-Erwartungsgefühl.

Drei Monate in einem Neuland, drei Monate vielleicht bis dieses Leben zur Gewohnheit wird.
Deutschland, meine ehemalige Heimat hat sich verändert und ich ebenfalls.  Dabei blieb meine Liebe ununterbrochen in dem nördlichen Stück zwischen Elbe und Weser liegen, um nichts in der Welt wäre ich lieber dort geblieben, hätte ich die Wahl gehabt.

Dahingegen soll dieser Aufenthalt weiter im Süden stattfinden.  Ich werde nur Freudentage aufzählen, denn nur sie sind es wert zu bleiben.

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Jetzt…

Jetzt beginne ich zu sein, ich bemerke es schon, das Hiersein in diesem Land bekommt meiner Seele gut.  Es ist nicht anstrengend, die Tage der Gedanken fließen, ich kann sein wer ich bin.

Dieses ist der Beginn meiner Wirklichkeit, die Wartezeit hat ein Ende erreicht, es gibt keine Brüche mehr, die sich ins Bewusstsein schleichen können.  Ich freue mich auf das Neue.
Und zunehmend fühle ich die Wandlung im Körper.  Der Winter in Europa ist wohltuend. Ich empfinde eine Freiheit, die ist, als stamme sie aus meiner Jugend, diesen wahnsinnigen  Sturm-und Drang-Jahren, damals hatte ich sie als mein Recht gedacht. Heute weiß ich, dass dieses Recht nicht uneingeschränkt einem Menschen zufällt, man muss es sich oft stark erkämpfen.  Courage gehört dazu und sie ist in mich eingedrungen, lässt mich abermals beginnen zu sein.

Ein wundersames Leuchten liegt über dem Land.

Es war als hätte ein Zauberwort alles verändert.  Der Morgen begann mit einem zarten Schneefall.  Leise und sanft taumelten die hübschen Flocken als spielten sie miteinander, zu Boden.  Der Tag roch anders als die vorangegangene Nacht.  Wie verzaubert lag die Stadt da, wie eingebettet ihre Fluren.  Als dein Anruf kam stand fest, du hattest das Zauberhafte bestellt, für uns, die wir so viele Jahre in Afrikas Hitze lebten…. hiermit begann wirklich das Neue.

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Wie wohltuend ist dieser Zustand, meine Seele möchte singen.  Das Zauberwort hat ein Zeichen gesetzt. . . . . . und Wünsche gehen in Erfüllung.
Als Erstes jedoch, einen Stadtbummel machen, das ist doch empfehlenswert, sagt der Mann!

Die Augen des kleinen Jungen lachten, als wir beide uns auf dem Muster der Augustinergasse begegneten.  Sein Lauf war das des Spielens, meiner, wegen des glattgefrorenen Kopfsteinpflasters… nur die geschwungene Musterung aus rauem Gestein inmitten der Straße zu begehen, ohne einen möglichen Ausrutscher zu befürchten.

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Diese Begegnung ließ uns beide auflachen, aneinander vorbei quetschen und vor Freude weiter hüpfen.  Es bedarf nur eines kleinen, gänzlich unwichtigen Ereignisses, die Seele wieder zu finden, die man verloren glaubte. Wie war der Verlust nur möglich?

‚It takes a long time to become young’, hat Picasso einmal gesagt, wie schön ist es, es endlich wieder zu finden.
Ich weiß was ich suche, erklären kann ich es nicht, doch wünsche ich, fliegen zu können!
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Ich muss unweigerlich an Leonardo Da Vinci denken, den Künstlermenschen, den ich so sehr bewundere.  Und, um noch einmal von ‚Freiheit‘ zu sprechen, von Befreiung, dieser Wunsch-Gedanke gehört meiner Seele, ausschließlich ihr und die technischen Manöver die den Zustand herbeiführen sind hier unzutreffend, in unserem Leben längst überholt, es lässt dieser Wunsch ein Glück erahnen, das in keiner Weise einer anderen Vorstellung gleich käme.

Die ruhenden Felder mit Puderzucker-Bestäubung lassen die tieferen Erdrinnen noch dunkler erscheinen, schwarzbraun, wartend und schön.  Bäume kulissenhaft, ihre Zweige in den Himmel ragend, und sich in alles auflösend, vervielfältigend, werden neue Himmel geboren.

Die Arme ausbreitend gehe ich langsam zurück. Ich bin ein glücklicher Mensch!

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Mit geschlossenen Augen sehe ich eine neue Welt.

Wir sind im Lande wo es nach weihnachtlichen Kindheitserinnerungen duftet.

Gestern, nach einem Waldgang brachten wir die grünen Zweige mit, Moos und Kiefernzapfen schmücken den Tisch in der möblierten Wohnung.  Wir blicken auf die Stadt, die mir in dieser Zeit als Muse dienen möchte, auf ihren Fluss und den bergigen Horizont gegenüber.  Die Sonne ist winterschön und taucht die Stadt in Winterfarben wie aus einem Märchenbuch.  Heute Nacht sehen wir den großen gelben Mond und viele fremdgewordene Sterne, verschwommen erscheint ihr Spiegelbild im langsam fließenden Fluss.
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Das Warten auf den ganz besonderen Moment, außergewöhnliche Inspirationen in Bilder zu verwandeln, warten auf den rechten Augenblick, das Warten in dem alles vollkommen zu sein scheint, das trage ich ständig in mir, eine im Grunde genommen, unnötige Eigenschaft.

Somit hat die Wartezeit an sich, diese gleiche, prägende Einstellung angenommen, es sei denn ich verzichte darauf, inspirierende Gedanken festzuhalten und mich partout nur auf den Tat-Moment konzentrierend, unmittelbar meine Arbeit zu beginnen.  Diese Chance zu verzögern, oder aber ihr den Freiraum überlassen Purzelbäume zu schlagen, schenkt mir nie die Harmonie, die ich benötige ein akzeptables Resultat hinzustellen.  Durch Reisen, Umziehen und die vielen turbulenten Umstände im Leben, die Stille zu finden, die Ideenfülle einwirken zu lassen, habe ich einfach noch nicht gelernt, schade!

Empfinde ich mein weihnachtliches Heimatland noch in einem perfekten Zustand…. nein, das kann es gar nicht sein, denn nur die kleinen Begebenheiten der Kindheit bleiben markant festlich, sie zu erspüren, nur das bleibt bestehen.  Und wenn wir auch nie die Vergangenheit besprechen, sei es, sie bereitet Schmerzen oder Glück, es stehen die Unwichtigkeiten bereit uns zu überlisten, ihnen darf man keine besondere Bedeutung zumessen.

Aus diesem Bewusstsein heraus ist das Gelebte und das Geträumte Wahrheit, Erinnerungen und Phantasien haben gleiche Rechte im heutigen Tag, ich will das Leben genießen, es ist sehr kurz.

Es weihnachtet sehr an diesem Tag, morgen vielleicht, versucht er auszusehen als wäre er nie so schön gewesen.

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Aus dem Fenster blickend, sehe ich die Flugspuren der aufsteigenden Maschinen im blauen Himmel.

Weißt du, dass Heimat der Seele gehört und Kosmos den Gedanken?  Habe ich es irgendwo einmal gelesen oder kommt es mir jetzt in den Sinn, im Augenblick sehe ich es so, zu einer anderen Stunde mag es umgekehrt sein.

Natürlich versuche ich Geräusche lautmalerisch in Worte zu fassen.  Ich besinne mich Winterklänge wahrgenommen zu haben, dass selbst Stille einen besonderen Laut wie auch eine schöne Farbe bargen.  Es gibt verborgene Worte und unterstrichene Worte, auch übte ich die Kunst der glücklichen Worte, die abstrakten aber zerfielen mir im Munde.  Im Grunde genommen blieb ich oftmals ohne Worte .

Gehört es zu den vernetzten Sinnen, dass es mit einem Male nur diesen Düsenflug-Ton gibt, ich nehme keinen anderen Laut wahr.

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Der blaue Winterhimmel täuschte, denn als wir zur Bushaltestelle wanderten war es ziemlich kalt.

Eine ältere Dame mit gelebten, lieben Gesichtszügen sprach mich an: “Sie müssen ganz vorne sitzen auf der eiskalten Bank, dann dringt nicht so viel Kälte ein.”

Sie berichtete weiter, dass sie eine Konzertkarte für die Zauberflöte hatte, doch wegen des nächtlichen Glatteises auf den Straßen zum Berg, wo sie wohne, hätte sie nicht hinkommen können, “runter schon, aber nicht wieder hoch und dann hätte ich noch im Hotel übernachten müssen, nein, das bei der Wirtschaftskrise!”  “Und wissen Sie, diese jungen Leute hier, die werden noch was erleben, die kennen ja keine Sparsamkeit, die werden sehr leiden.  Wir Alten, wir haben das ja schon erlebt, wissen Sie mein Mann und ich, wir …………….” und ich erfuhr die ganze Lebensgeschichte in weitaus weniger Minuten als ihr gebührte.

Man schubst und drängelt hierzulande, beim Aussteigen wäre eine Frau fast auf seine Füße getreten: “Verzeihung… ich verspreche aber, das mache ich nie wieder!”  Wir mussten lachen und sich dessen freuend, stieg sie aus.

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Gegenüber der Haltestelle leuchteten die Fenster der von uns schon vielbesuchten Buchhandlung, noch sieben Minuten bis der nächste Bus erscheint……”Weißt du was man alles in sieben Minuten dort einkaufen könnte?”  Ach!  Doch das Thema Wirtschaftskrise mit dem wir schon vor einer Weile Bekanntschaft gemacht hatten, hält auch diese sieben Minuten lang Garde.

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Ich möchte schreiben, das, was wir alle uns so oft vornehmen und manche schaffen es, einen glühenden Roman, eine gute Biographie, umwerfende Verse oder ein historisches Ereignis zu veröffentlichen…. aber ich?  Am Ende steht vielleicht ein gelungenes Werk, das von zerstörtem und wiedergefundenem Glück erzählte oder von der Weisheit, die es beinhalten könnte, doch wen würde ich damit ansprechen!
Ich sehe hin, wie Zwei sich mit vornehm spitzen Mündern unterhalten, wie Mädchen sich einander etwas Lustig-Geheimnisvolles ins Ohr flüstern, wie der Alte dort im Selbstgespräch murmelnd durch die Menschenmasse schwankt, und ein kleines Mädchen seiner Mutter im Bittgesang berichtet, dass man dem Vater doch gar nichts sagen bräuchte von dem wunderschönen Pullover.

Hin und wieder schließt man die Augen.

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In der Weihnachtszeit hier zu sein, das war, derweil wir das Fest schon vierzig Jahre lang in Afrika feierten, immer eine himmlische, konnte ich es wirklich so ausdrücken, eine himmlische Wunschvorstellung.  So fand ich die Tage nach der Landung aufregend und erwartungsvoll.  Wir besuchten den Weihnachtsmarkt und bestaunten die Auslagen der Geschäfte, fanden einen ganzen Lebkuchenladen, finden auch jetzt noch den geschmückten Marktplatz und die hohen Weihnachtsbäume mit Lichterketten ganz bezaubernd… aber, wie man es wohl heraushört, hielt diese Stimmung nicht so lange an, denn zu all dem gehört auch noch ein Wahnsinns-Geschäftstreiben, eine Vermarktung mit all ihrem dazugehörenden Kitsch.

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Was bleibt und einzigartig ist, das ist der Weihnachtsduft, der nirgends gerade so intensiv ‘weihnachtet’ und die Kälte (obwohl es gerade jetzt nicht schneit), in der die Lichter und Kerzen wärmespendend scheinen, sogar das berauschende wärmende Gefühl beim Einkaufen hat Festliches an sich, das ist schön.

Natürlich können wir uns nur notwenige Dinge leisten, dem Wechselkurs zum Trotz hat es gereicht für ein bisschen Musik und Kerzen, Konzertkarten, Theaterkarten und delikate Weihnachtsmenüs, für die kleine Tanne im Fenster und eine feine Tischdecke.

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Auf dem Markt kauften wir ein Kaninchen, Rotkohl und Pilze, keiner glaubt welch ein herrliches Festessen daraus entstand und das alles mit zwei Herdplatten, einer größeren, einer klitzekleinen Platte, so wie mit einem etwas beschädigten Kochtopf und der Riesen-Vollzerkratzten-Teflonpfanne!  Gemütlich, durch die ständig warme Heizung, mit dem Schoßrechner, dem ‘laptop’ neue weihnachtliche CD’s hörend, fiel der Heilige Abend doch noch so in den Bereich von Wunschvorstellung.

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Vor allem jedoch ließ uns die vollendete Chormusik und das ebenso hervorragende Orgelspiel fast atemlos die Kirche verlassen und durch den kalten Winter in die warme Wohnung zurückeilen, vom Winterwind die Ohren und Nasen rot.

Das war vollkommen schön!

Vom ersten Tag unseres Hierseins sahen wir uns die hübscheste Kopfbedeckung an. . . . was es alles hier gibt!

Die besten Exemplare lagen in den Schaufenster-Auslagen, so gutes Design, ausgefallene Stücke, wärmende und ganz praktische auch, die Farben, so prächtig oder ganz dezent. Verführerisch war es, bildschön das alles anzusehen…. bis wir eines guten Wintertages dann endlich das schönste Hutgeschäft der Stadt betraten.  Das reinste Vergnügen!

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Huthaus am Dom, kann ich jemals vorbeigehen ohne deiner Verlockung zu widerstehen?  Dazu muss gesagt sein, dass ich kaum Hüte trage, es sei denn einen praktischen Sonnenhut in Afrikas unendlichen Sommermonaten, zu verhindern, dass ich krebsrot aussehe.  Und, um es einmal gesagt zu haben, ich doch eher auf Schuhe stehe…diese Hüte aber, haben es mir irgendwie angetan.

Doch hier…wie verzaubert standen wir da, als die nette Verkaufsdame ihre Hilfe anbot.  Das ist etwas, was man in Afrika nicht alltäglich erlebt, die Kenntnisse eines Produktes sind dort minimal, wie anders ist es hier!  Mit Fingerspitzengefühl wurden die Stücke hervorgeholt, mit Meisterhaftigkeit auf den Kopf gesetzt und damit im Spiegel kokettiert. Erst der Eine, dann der Andere und schließlich auch ich… ich bekam einen tollkühnen schoko-braunen Hut, der sofort ganz fabelhaft aussah.  Einen richtigen klassischen Stetson und eine ‘english-style’ Stetson-Kappe in dunklem Tweed-Waldgrün für meine beiden männlichen Wesen, die jetzt aussahen wie ‘million-dollar-boys’.  Noch eine begehrenswerte Baskenmütze ohne die ich nicht auskommen würde, und mit breitem Lächeln und unbändigem Gekichere verließen wir das erstklassige Haus mit der charmanten Verkäuferin.
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Anbei das Foto vom Anprobieren der Mütze, es zeigt die Art der Krönungszeremonie, denn so schien mir das feierliche Aufsetzen der hübschen Kopfbedeckung auszusehen.

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Das andere Kaufhaus meiner Träume ist die Künstlerbedarfs-Bastel-und Papierhandlung an der Bushaltestelle.  Ich überfliege täglich mein Budget, ob sich noch etwas machen ließe und wie viel Lufthansa Gepäck noch frei sein könnte, diese Auswahl ist unglaublich! Ach, bitte du lieber Geologie-und-Geographie-Gott, der du Berge versetzen kannst, drehe den Afrika-Kontinent doch einfach herum, lass’ die Kapspitze an Europa anliegen, ich würde laufen können!  Doch muss ich gestehen, lieber Gott, das ist nicht alles was uns begeistert.  Die ungeheuere Liebe zur Feder, zu Schreibgeräten überhaupt, die ist es, die uns fast dorthin kriechen lassen würde, wo ein Spezialgeschäft seine Gaben ausstellt.  Das fast tägliche Auswählen eines Füllfederhalters unseres Physikers ist von hoher Bedeutung und wird mit vorsichtigen Erwägungen zu klassischer Vollendung gebracht,  f a s t  zur Vollendung gebracht.

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In der Nacht zum neuen Jahr, nach einer langen Zugfahrt, beleuchtet das ausgehende, den Beginn des Jahres mit einer wundervollen Familienfeier.  Als ob auch nur der geringste Anlass ein Freudenfest herbeiführen kann, wird gelacht, geschmunzelt, gespeist und erzählt, als würde alle Schönheit dieser Welt in ein paar Stunden besungen.

Zur Krönung des neuen Tages beginnt es in großen Flocken zu schneien, beim Spaziergang werden dann auch wieder Kindheitsträume neu erweckt, mit unvergesslichen Bildern bestückt, schreibe ich diese Zeilen und bemerke mein eigenes Lächeln.

Den drei lieben Hunden, die unsere Winterwanderung begleiten, ist der zarte Schnee an diesem neuen Morgen eine ebenso große Freude, weit rennen sie übers Feld als wären sie auf wilder Hasenjagd und mit rasender Geschwindigkeit zurück, im dampfenden Atem scheinen auch sie zu lächeln.

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Es ist das erste Mal, dass ich zum Jahresanfang ohne Vorsätze bin, sie sind nicht vorhanden, die Stunde ist viel zu schön, sich um eine, meine Zukunft zu kümmern oder vielleicht eine Prognose zu ersinnen.  Ich habe völlig vergessen an das Kommende zu denken.

Das Verwöhnen beim Feiern sind dann schließlich auch die Gaumenfreuden, reichliches Verwöhnen ist eine Verführung der Sinne!  Beim Zusehen in der Küche entglitt mir die Bemerkung, dass wir unbedingt einen zweiten Topf benötigten, so würden die beiden Kochplatten in der gemieteten Studentenwohnung mehr hergeben… als auch schon ein solcher Stieltopf in Begleitung anderer Kostbarkeiten in den bereitgestellten Karton wanderten…wir sind jetzt reich!

Unsere Besitztümer besetzen unsere Vorstellung eines reichen Lebens.  Wie schon oft in Meinem empfinde ich mit einem Mal diesen Unmut, diese Widerwärtigkeit allem Materiellen gegenüber, waren es nicht meine Mutter und ich gleichermaßen, die nur unsere Taschen brauchten und von allem Abstand nehmen konnten, einfach weggehen mit einer Hand voller Habseligkeiten (indem ich das Wort genau so bildhaft gebrauche, wie es Bedeutung hat).  Vollendung finden in dem Wenigsten, das war mein Wunsch vom Glück.

Das Leben ist anstrengend geworden, weil wir uns mit Dingen belasten die, um sie zu erlangen, uns zu Suchtkranken macht.  Die materiellen Güter geben Eindruck unseres Erfolges, Landbesitz und Vermögen schenken uns die wünschenswerte Prosperität zur Anerkennung …. und es bleiben doch eben nur Attrappen!

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Grünkohl mit Bremer Pinkel und alle Gerichte mit Hering wurden eben unsere Lieblingsspeise.

So brachten wir eine Leselampe und den besagten kleinen Kochtopf mit in unsere Wohnung und fühlten uns wohlhabender denn je zuvor.

Die Frau tüchtig, ganz erhellte Leselampe und der Herr…hm!…Kochtopf verwünschten eines Tages ihr altes Zuhause.
Der Stress daheim stieg beiden zu Kopf und sie brauchten, sagen wir mal, eine kleine Pause.

„Lass’uns verreisen“, sagte glühenden Herzens
die Frau Leselampe zu Herrn Kochtopf.

Nach Stunden des Überlegens ergab eine wohlgerichtete Tüte
den lobenswerten Einstieg mit ungeahnter Güte.

Der Umzug begann, der Reise-Schlaf erquickte,
wohin der Zufall sie auch schickte,
„es wird uns gut geh’n“, nickten die Beiden,
„man mag uns sicherlich gut leiden.“

Hoch oben in einer fremden Stadt gut angekommen,
wirkte das ganze doch seltsam beklommen.
Das Bestaunen jedoch, der drei Wesen,
denn nur Frau Lampe und Herr Kochtopf, nur sie waren erlesen,
ließ sie mit freudigem Glanze erstrahlen,
sie werden fortan von schönsten Ereignissen prahlen.

Das Verreisen taten sie mit Genuss,
auch die Protzerei am Herd,  s i e  mit gebeugtem Lampenkuss,
fand lange keinen Schluss.

Denn wohl haben Ferien allzeit ein Ende,
doch beginnt damit in aller Leben eine neue Wende.

Als sie beide im heimatlichen Haus zurück,
postwendend, wohlig und voller Glück,
waren sie wieder die Alten, doch ganz entspannt.
Wurden sie wohl wieder erkannt?

An L.

(Eine kleine Liebeserklärung an die strahlende Leselampe und den glanzerfüllten Kochtopf die du uns einpacktest.)
bt.

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Heute habe ich Spuren im Schnee gelassen…so vergänglich wie sie, so wenig bleibt Vieles bestehen.

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An J.M.-N.

Es bleibt nach mir mein Traum zurück und eine Spur von Freude.
Es bleibt ein Festsang und ein Duft aus meiner Welt in Deine.
bt.

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Die Frau mit den vielen Paketen, die im Park an uns vorbei eilte, musste schmunzeln.  Ich glaube, sie lachte mich aus.

Ich habe einen winzigen Schneemann entstehen lassen, einen solch kleinen eisigen Mann, dass das Emmakind ihn mit nach Hause tragen könnte.  Der Letzte, den ich baute, gehörte den Kindheitstagen an.  Erwachsene Schneemänner tragen einen Stetson.

Von den Handschuhen, die ich trug, habe ich einen verloren.  Selbst in der weißen Landschaft kann ich ihn nicht wieder finden.  Die Dohlen auf dem Weg zu den Schrebergärten sehen schwärzer aus als was sie sind.  Der erwachsene Mann friert ohne Stetson… es schneit wieder.
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Wenn Gedanken Worte werden. . . . .

Bei dem Kosmetikkonzern kann man, wenn unzufrieden mit der Gesichtspflege-Creme, das besagte Produkt zurück senden und sich den Kaufpreis wieder erstatten lassen.  Einen triftigen Grund dafür sollte man natürlich beilegen können.
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Mein K. sagte, “schreibe dazu, die Hautcreme mache gar nicht jünger, so wie es auf der Packung beschrieben, trotz aller Pflege, wird m a n von Tag zu Tag älter”. . . . . oder sagte er vielleicht  s i e  wird älter?!

Oh Tannenbaum!  Sie war einmal ein Weihnachtsbaum, ein Weihnachtstraum, die kleine Zimmertanne.
Sie zieht jetzt aus, denn es ist schon Ende Januar.  Nebel liegt über der Stadt, doch ist es fast frühjahrshaft warm geworden heute, den ganzen Tag über ließen wir das Fenster geöffnet.

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Wir könnten jetzt unsere Wintersachen auf dem Flohmarkt verkaufen und uns dafür lieber Sommersandalen anschaffen, oder den so begehrenswerten neuen Mont Blanc Füllfederhalter, oder den von Faber Castell, ach!  Das Abwägen ist ungeheuer, hat noch immer kein Ende gefunden,  doch dann wird die Wahl getroffen, oder doch nicht! Abermals wird das Geschäft besucht und die Schreibfedern werden gehalten und bewundert, dann in die Tinte gesteckt und so geprüft.  Ist vielleicht ein Waterman noch besser, gebrauchen wir überhaupt ein neues Schreibgerät. . . . ein Reiz, eine Verlockung wie nie zuvor, Buchhandlung und Schreibwarenladen liegen nebeneinander, der Bus hält, der nächste fährt in einer halben Stunde.  Weihnachten ist längst vorüber, wie nehmen wir die ganzen Bücher mit nach Afrika, (und die Schreibstifte) uns ist nicht mehr zu helfen.

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Die kleine Weihnachts-Tanne im Blumentopf zieht ins Max Planck Institut, sie sollte dort gut gedeihen.  Nicht ein einziges Kerzenlicht hat ihr geschadet, sie war zu klein und zu kostbar, als dass sie Lichter tragen konnte.

Das Licht war in uns.

Die Stadt ist abends dunkler als in den vorangegangenen Tagen.

In den meisten Läden und Warenhäusern ist Ausverkauf.  Alles was vom Weihnachtsgeschäft letzthin übrig blieb und das scheint eine ganze Menge zu sein, wird feil geboten.  Ob die Dinge wirklich begehrenswert sind, das ist ein andere Frage, doch kann man das, was man vorher eventuell gebrauchen konnte nun viel günstiger erstehen.

So war es jedenfalls mit der warmen Jacke ….

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“Kann ich Ihnen schon mal behilflich sein”, fragte die Verkäuferin an der Kasse, an die hinter mir stehende Person gerichtet, als sie mein Stück der Kollegin zum Einpacken reichte.  Ich darauf: “Oh nein, das ist nur mein Mann!”  Und die Verkäuferin begann hinter vorgehaltener Hand so wahnsinnig zu lachen, dass ich mich unversehens umdrehte.

Eine  D a m e  stand dicht hinter mir (und nicht mein Mann), eine Dame mit einem besonders strengen, gebieterischen Gesicht und ernstem Herrenschnitt.  “Na ja, heutzutage ist es ja möglich”, brachte die Kassiererin prustend hervor, wir beide konnten kaum an uns halten und mit: “Verzeihung”, entwich ich den Schlangestehenden.

Mein K. stand in ungefähr fünf Metern Entfernung, auf mich wartend und wunderte sich!

Wir schlenderten fast täglich durch die Innenstadt, etwas, was in unserem Afrika-Zuhause seltener vorkommt.  Wir bummelten, sollte ich lieber sagen und machten kleine Pausen.
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Nordseehappen-Pausen zum Beispiel, Café-Pausen oder Pausen mit Extrablatts ‘Pom Fritz’, dieses sogar abends nach den überwältigenden J.S.Bach Orgel-und-Cembalowerken, Organist: Volker Ellenberger, in der alten Sankt Johannis Kirche, die Orgel wurde von Förster und Nicolaus gebaut, sie klang wundervoll.

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Überhaupt, dass man des nachts in einer Stadt herumlaufen kann, auch den letzten Bus noch zu erwischen und heil davon kommt, das ist einer der Höhepunkte des Europa-Lebens. . . . ach!

Irgendwann, irgendwo hatte ich einmal folgenden Satz niedergeschrieben: Der Bestand des Menschengeschlechts beruht in der Fähigkeit Unerträgliches zu ertragen und dennoch weiterzuleben.

Die Wellensittiche hoch in den Bäumen des Stadtparks, sie brachten die Wirklichkeit dieses Tages durcheinander, sie sind für den fremden flanierenden Besucher ein seltsames Bild.

Darf ich vorstellen, dieses ist ‘Germany’s neuestes Top Model’, nennen wir ihn:  Kurt Klum!

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Die Sache mit dem ‘photo-shoot’ begann durch das papageienähnliche Krächzen im kahlen Geäst, fast war ich über die ausgestreckten Beine des Models gestolpert, welches bis dahin noch keines war oder auch nur zu sein glaubte.  Es, das männliche Model, saß schon auf der Parkbank, gerade gegenüber dem Photographen und seinen hübschen, in weiße Sommerkleidchen gehüllte Models und war fasziniert von deren Anblick.

Die Leute, die zum ‘shooting’ gehörten, winkten und schwenkten die Arme und es machte den Eindruck, als seien wir im Wege, sozusagen ein unwillkommener Photo-Hintergrund. “Steh’ mal lieber auf und guck’ dir mal die sonderbaren Vögel an, nein, nicht die Possierlichen dort”, ich versuchte mit meiner Entdeckung Eindruck zu machen. . . . und laut rief ich: “Sind wir im Weg?”

“Nein, keineswegs!, wir haben da eine Frage, dürften wir den Herrn in Schwarz bitten, dort sitzen zu bleiben, er bietet so einen tollen Kontrast zur Frühlingsmode für unseren shoot?”

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So geschah es, dass der Herr ein Model wurde, umkreist von den Schönen der Model-Agency, die eisig kalt und fast blaugefroren waren.  Sie hießen Lea und Lisa und die Mode war das Werk einer jungen, emporkommenden Designerin aus Berlin.  Das Bild habe ich aus der Zuschauerecke aufgenommen.

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Als ich es ihr am Telefon erzählte, meinte L., dass man mit so einem Berühmten nun nicht mehr so einfach sprechen könne und ich antwortete, dass er auch soeben einen ganzen Kopf größer geworden sei, worauf sie prustend meinte, just vom Stuhl gefallen zu sein.

Die Wellensittiche übrigens, so erklärte mir eine der umstehenden Frauen, waren vor Jahr und Tag dem Vogelgehege entflogen und haben sich im Parkgelände vermehrt und auch den winterlichen Temperaturen angepasst.
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Es beginnt gerade zu schneien und nicht nur die Vögel müssen sich anpassen, Lea und Lisa zittern wie Espenlaub.  Die Enten am zugefrorenen Teich watscheln zum kleinen Wasserfall, der plätschernd dem Eis die Erstarrung nimmt.

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Zwischen großen Waschtagen, die heutzutage ER stolz vollbrachte und das versehentliche Umbenennen des Apfeligen-Mac-Rechners, dem das neue Emblem einer schaumküssenden Süßigkeit angeheftet wurde, zwar nicht aus gesundheitsbewusster Überlegung, eher aus Verzweiflung der Tatsache, dass die Zeit der süßen Küsse so schnell verrinnt und man sich dieser Köstlichkeit beim Schreiben ebenso bedienen könnte wie zuhause einem Apfel, das Rechnerkennzeichen nun mit Schokoküssen feinster Sorte bedeckt und völlig ungewollt Kuss-Macintosh genannt wurde.

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Und zwischen Ausstellungsbesuchen antiker Skulpturen ‘Bunte Götter’ und den Meistern von Flémalle, den Kostbarkeiten internationaler Sammlungen, Rogier van der Weydens und Jan van Eycks Malerei waren Theaterkarten, aber auch das Konzert in der Sankt  Stephanskirche, dieses Mal nicht der Chagall-Fenster wegen, sondern das Weihnachtsoratorium anzuhören, eine gewisse Euphorie. . . . . .

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Dann auch das Angucken deutscher Kinofilme, ‘Die Buddenbrooks’ und ‘Die Mann-Serie’, dem ‘Ödipus’ im Staatstheater, was schöner gewesen wäre im, um es nicht zu verwechseln, im Theatrum des Römischen Reiches des ehemaligen Moguntiacum am Rhenus.

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Die Ausgrabungen sind noch nicht vollendet.  Es war das größte römische Bühnentheater nördlich der Alpen und bot Platz für zehntausend Besucher, mit einem Durchmesser von 116 Metern und einer Bühnenbreite von 42 Metern und das meint, es ist zweieinhalbmal größer als das Metropolitan Opera House.  Weil die Ausgrabungen auf unserer täglichen Busroute liegen, bin ich oftmals dort umher gegangen und es tat mir jeweils wohl, wie die Antike sich mit jedem Schritt veredelt wahrnehmen lässt.

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Und damit sind wir erneut beim Thema, auf Spuren wandelnder Emigranten, die Heimat bleibt in uns und wir in ihr, geschichtlich gesehen als auch in unserer genetischen Erbsubstanz. . . . germania superior, mit seinem ganzen Kontinent, na ja…selbstverständlich!

Und um kein Sprachklischee auszulassen: Home is where the heart is, so vermute ich, mein Herz war eigentlich niemals ausgewandert, es hat jedoch um eine Winzigkeit den Rhythmus verändert, so konnte es Frieden finden in der Ferne.

Es bestimmen nur Glück und Erwartung die Wirklichkeit, sie bilden den Anfang zum Gelungenen.  Das Leben ist Wirklichkeit so oder so, den Ansatz haben wir, doch was von der Weisheit die das UN-Erwartete halten könnte . . . . ich möchte spüren, wie meine wiederkehrenden Gedanken sich mit dieser schon besprochenen Kenntnis auseinandersetzen können.

Dann aber war es eine andere Begeisterung die sich immer wieder einstellte, das war entweder eine Reise in die schöne Stadt Wiesbaden, am anderen Ufer des Flusses oder aber diejenige, in die berühmte alte Universitätsstadt Heidelberg wobei wir in Darmstadt ausstiegen, einen Erinnerungs-Bummel zu machen.  Heidelberg ist traumhaft, es ist fast wie in Cambridge zu sein, sagte mein Mensch und wir blieben bis es Nacht wurde.
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Die besondere Atmosphäre dieser Stadt hinterließ den Wunsch einmal wieder zurück zu kommen, doch gleichermaßen, eine der schon auf diese Weise beglückenden Städte auszuwählen, die mit ihrem Charakter diese unendlich bezaubernde Wirkung auf uns haben.
Manche Städte versprechen niemals diese leidenschaftliche Beziehung, es ist als besitzen sie nur ein gezügeltes Ressentiment, eine Lieblosigkeit ohnegleichen.

Ich wünschte, ich könnte Paradiese zaubern, kleine Märchenoasen wären doch erholsam. Freude kommt in mir auf, allein durch den Gedanken, inspirierende Lebensfreude.

Doch da ist noch eine andere bevorstehende Reise, die uns in Aufregung versetzt.

Die Einladung von D.und J. nach Bristol war gebucht, so dass mein lieber Mensch, der im Physikdepartment der Universität dort einen Vortrag gehalten hatte, just am selben Tag unseres Abflugtermins in Frankfurt zurück erwartet wurde und wir uns zu einer Tasse Kaffee verabredet hatten, so eben zwischen An-und Abflug.

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Mein Mensch kam nicht an, Eurowings konnte in Bristol nicht abfliegen, es lagen acht Zentimeter (!) Schnee auf der Startbahn und unser geliebter Mensch harrte schon seit sechs Uhr früh am Bristol-Flughafen aus.  Und gleicherweise wurde nach Stunden des Wartens, auch unser Flug dorthin annulliert.

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Das vermaledeite Gepäck, und nächstes Mal fliegen wir ohne, das müssen wir nun zurück schleppen, S-bahn, Bus und wieder in die leere Wohnung!

Es ist immer aufs neue erstaunlich, was für eine normale und alltägliche Sache, die Enttäuschung ist!

Doch, und das ist wiedergefundenes Glück, währendem wir so enttäuscht, hatte unser lieber Mensch das große Verwöhn-Vergnügen unserer englischen Gastgeber, denn er nahm statt wir beide, die Einladung an und rodelte zum allerersten Mal in seinem Leben in der hübschesten Landschaft einen Wiesenberg hinunter, wurde über englische Waldwege gefahren, bekocht und beglückt. . . . doch. . . das Paradies!

Und somit finde ich zurück zu den kleinen Begegnungen unserer Sonntagsreise.

Die Allerkleinsten sind die witzigsten, die Winzig-Hunde im Wollmantel, an ausziehbarer Leine, diejenigen, die Passanten auch noch anbellen mit diesem anstrengenden Furchtgebell, welches nur in der Vergrößerung täuschend echt einem Ungeheuer angehören könnte.

Dann ist da noch meine ’Mc-Mail’. . . ha-ha. . . die einzige drahtlose, öffentliche Internetverbindung in der Nähe, denn in der Wohnung hatten wir keinen Festnetzanschluss.
Dort gibt es die Mc.Donald-Kinder, die Tomatenketchup-Hamburger-Brigade, oder ist es anders herum, jedoch hat mir die Tomatensoße am meisten zugesetzt und ist somit vorherrschend.  Diese Kleinen wissen alles, kennen sich aus und sind technologisch ‘up to date’!

Beim Schreiben lehnen sie sich interessiert über meinen kleinen Rechner, Ketchup überall hinkleckernd , so dass es mitunter anstrengend war, ordentlich konstruierte Emails zu senden, doch fand ich ihr Engagement zum Teil höchst amüsant .

“Was machen Sie denn da” und “kann man damit auch ‘online’ gehen” , “Ihr ‘Compjuda’ ist aber klein und so niedlich”, und beim nächsten Interesse hatte ich schon kleine rote Spritzer auf Tastatur und Monitor und mein vertrautes Logo war in der Tat kein grüner Apfel mehr.
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Und als ich dann einmal unseren Caffè Latte holte, meinen lieben K. am Tisch sitzen ließ, hatte sich, in der Mittagsstunde, eine ganze Runde um ihn herum gebildet, mit “hallo” und “guten Tag, wir haben schon mit ihrem Mann Bekanntschaft gemacht. . . Sie kommen aus Afrika höre ich, da wo Aids ist, ja, davon wissen wir, die sind ja auch so schmutzig dort und besudeln alles, daher kommt das!  Oh, Sie haben einen ‘laptop’, da können Sie hier ins Internet gehen, ach wie klein, wir haben nur soooo’n Großen zuhause.”

“Da gibt’s aber noch’n anderes Internetcafé, da können Sie auch mal hingeh’n, beim Bahnhof, nich?, da iss es nich so beschäftigt!”  Und, “Auf Wiederseh’n, s’war nett Sie kennen zu lernen, wir wünschen Ihnen auch noch ‘ne angenehme Zeit hier.”  Sehr höflich fand ich, wie sich so Zehn-bis Zwölfjährige verabschiedeten, weniger höflich natürlich war die Unterstellung, allerdings mit großer Besorgnis, über den Hygienezustand Afrikas.

Sind junge Leute überall in der Welt so interessiert, ich versuche, sie zu vergleichen, komme aber nicht weit damit, da die Sonne meistens scheint in unserem Afrika, trägt die Welt draußen nicht die gleichen Gespräche herbei.

Die Stadt ist angefüllt mit lauter Bildern, Schilder und Slogans übernehmen jede Art von Flächenbedeckung. Zum Teil sind es witzige Werbungen und andere sind auch sehr schön. . . .
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Einige der lustigen Versionen ziehen den Blick an, aber es sind da auch die vielen Apotheken mit hübschen Fassaden und Aushängeschildern, allerdings ist bemerkenswert, dass Apotheken fast in jeder Straße der Stadt stehen, es macht den Eindruck, die Leute sind hier kränkelnder als irgendwo anders auf der Welt.
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Fast zum Ende unseres drei monatelangen Aufenthalts kam es doch noch so, dass wir nach Bristol fliegen durften, im Nachhinein wäre es zu traurig gewesen, diese Reise, eine wundervoll glänzende Sonntagsreise, nicht zu machen. . . . . mit dem Tag der Ankunft war, so meinte unser lieber D., auch der erste Frühlings-Sonnentag eingekehrt, nichts vom Schneegestöber war übrig, es war ein Tag wie er schöner, kaum vorstellbar sein konnte.

Vorbei an Wiesen, Feldern mit ihren so besonderen Abgrenzungen, den ‘dry walls’, und an Wäldern in noch fast winterlicher Schönheit, entlang der engen, sich windenden Straße bis nach Clevedon und dem bezaubernden Haus am Waldrand, bekamen wir fast Gänsehaut und das, vor Schönheit!
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Nach dem ‘dinner’ am Kaminfeuer und mit vielem Erzählen gefeiertes Wiedersehen, stiegen wir hinauf ins Schlafzimmer, uns für die erste englische Übernachtung vorzubereiten, und die war traumhaft. . . . so dass wir nur erst morgens, geweckt durch tausend Vogelstimmen, die zu uns durch das geöffnete Fenster strömten, die Augen öffneten.

Vor vielen Jahren zuletzt gesehene Vogelarten versammelten sich unten im Garten am Vogelhaus, wo Futter ausgelegt war für die Winterszeit.
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Und welch ein Garten, es blühen schon Schneeglöckchen, Krokusse, und wilde Alpenveilchen, die Luft ist einzigartig, man spürt die Nähe des Meeres vermengt mit Waldduft, Falken fliegen über uns.  Bei unserer Fahrt durch die bezaubernde englische Landschaft sehen wir Fasane, Rehe, Hasen und einen Fuchs.  Die Abgrenzungshecken links und rechts der kleinen Landstraße sind so dicht, sie bieten den kleinen wilden Tieren Schutz. . . . . . . . . . es ist frühlingswarm im Sonnenlicht.  Und die Menschen denen wir begegnen, sie zeichnen sich viel mehr durch ihren Individualismus aus denn in Germaniens Städten, und dieses mit einer Selbstverständlichkeit, die unsereins erst noch erlernen muss.  Worauf dann die schon etwas überbenutzte Phrase, der Leichtigkeit des Seins zu üben, als Exempel dienen könnte.

An einem Wiesenstück finden wir eine der kleinen gelben Plaketten, ‘public footpath’, die es einem Jeden erlaubt, diesen Grund zu betreten und entlang zu wandern.  Obwohl das Land einem Großgrundbesitzer gehört, dürfen Eigentümer selbst nicht einmal ein Gebäude darauf setzen.  In England gibt es zudem für irgend eine Interessengruppe, eine ordentlich erlesene Gemeinschaft, eine ‘society’, und hat sie noch so wenig Mitglieder.  So glaube ich, gibt es bestimmt eine Gemeinschaft ‚For the Upkeep of never-ending Footpaths‘!

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Es muss sehr schön und außergewöhnlich sein, dort leben zu dürfen.

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Eben läuten die Glocken der kleinen Kirche gegenüber im Tal in der englischen rhythmischen Weise den Sonntagmorgen ein.

Unsere Freundin J. wurde nachts gerufen, sie ist Ärztin und Chefin der Paediatric Surgery in der Kinderklinik und an diesem Wochenende auf Bereitschaftsdienst.  Darum begleitet nur K. den Vater und die beiden Söhne zum Rugby-Spiel auf dem nassen kalten Feld.  Ich hüte J. ein, die ihren Schlaf nachholt. . . . dann klingelt es an der Haustür und es kommt Besuch.  Wir unterhalten uns, als hätten wir einander schon immer gekannt, so ist es in England, es lässt sich leichter leben.

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Die beiden Jungen sehen aus als hätten sie absichtlich nur im Matsch gespielt, rosige Gesichter strahlen.
Das Schulgebäude der Kinder ist romantisch gelegen zwischen dicken Eichen, Koppeln und grünen Wiesen, das winterliche Abendlicht gießt zarte Farbe über die alten Mauern, es sieht aus, wie aus einem wunderschönen Film. . . . und mit einem Male kann auch mein K. verstehen, warum sich unser lieber Mensch nach England zurück sehnt. . . . . das Land hat mehr Würde.  Noch einmal fahren wir ans Meer und begehen den viktorianischen Pier, eine Stadtrundfahrt, einen ‘Estate’-Besuch, wieder eine Fahrt über die faszinierende Landstraße zurück und wir sind für alle Zeit in ihrem Bann, dieser englischen Landschaft! Und fliegen ganz verliebt über das grüne Reich auf den Kontinent zurück.

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An Kr. M.-N.

In den Mauern steht geschrieben, deren Risse deine Worte sind,
Ich will lieber jeden Stein vereinen als in der Ferne um dich weinen.

Ich möchte über Wiesen gehen, schreiten
Weite Wege finden, Ruhezeiten.

Und im Angesicht der Nebelstädte, schweben
Will ich meine Welt erleben.

Mein Schloss, dein Schloss wird aus diesem Glück entstehen
Und ich möchte nie mehr von hier gehen.

bt.

Als wir drei wieder zusammen im siebzehnten Stockwerk der Wohnung saßen, mein Mensch hatte noch ein paar Tage in Holland mit Vorlesungen zu tun gehabt, fiel uns nichts Besseres ein, als den Wunsch auszusprechen, einmal in England wohnen zu dürfen.  Es waren hervorragende Jahre, die mein Mensch dort verbrachte, denn er hat überwältigende Sehnsucht wieder dort zu sein.

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Die letzten Europatage vergingen mit dem Verstauen all der schönen Dinge, die Bücher und Zeichenblöcke wollten einfach nicht in den Koffer passen.  Es musste Einiges verschickt werden, letzte Spaziergänge unternommen werden und die Monatskarte für die Busfahrten noch ausgenützt werden.  Wir trafen noch mit Freunden zusammen und nahmen Abschied.  Selbst die Busfahrer waren in der letzten Zeit netter geworden, sie warteten bis mein mit Handstock gehender K. noch über die Straße gelaufen kam und fuhren nicht vorher von der Haltestelle ab.  Ein richtig Netter war der, der uns noch einmal an den Waldrand fuhr, trotz der Umleitung und uns erklärte, welchen Weg zu gehen der Bessere ist um am anderen Ende den Retourbus zu erwischen.  Dann waren da noch die Abschiedsanrufe, es ist nicht das Gleiche, mit noch elftausend Kilometern mehr Distanz, zu telefonieren und ein Wiedersehen zu vereinbaren, als die im Vergleich, kurze Entfernung, da man einander noch fast zuwinken könnte.

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Ich möchte nicht, dass die Sonne heute für mich scheint, lege mich wieder ins Bett und lese, am nächsten Tag regnet es. . . . . . . . . . . .

Wir fliegen unterm Sternenhimmel einem neuen Tag entgegen, mit jeder fallenden Sternschnuppe entsteht ein heimlicher Wunsch!  So hat Afrika uns bald wieder zurück, oder haben wir Afrika zurück. . . ein wundersames Gefühl entsteht, ein seltsam leichter Gedanke bildet sich, wie aus Vernetzungen vieler Empfindungswelten:

Es ist überall der eine Himmel der die Welt umfasst, so leicht ist es den zu sehen, wenn man hin und wieder die Augen schließt.

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Das ist die letzte Seite meines Briefes an euch!

Beate Tügel

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2018
beate tügel

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